Die Welt wird immer verrückter

Mein Freund und Duo-Partner, Micki Wohlfahrt, ist am 26. April gestorben. Mit ein paar persönlichen Gedanken möchte ich an ihn erinnern.

Wenn ich an Micki denke, klingt mir seine Stimme im Ohr: »Ach, Leslie, die Welt wird immer verrückter!«
Es gibt viele typische Sprüche von Micki - die sich zum Teil durch rhetorische Raffinesse auszeichnen, zum Beispiel: »Rauchen? Rauchen.« Mit einem suggestiven Nicken nach dem Fragezeichen. Oder: »Leslie, was haben wir für einen geilen Beruf.« Der kam meist, kurz bevor wir uns unser wöchentliches Kreativ- und Diskussionstreffen nach nicht gezählten Stunden beendeten - verbunden mit einem freundlichen Ballen der Faust.


Die Faust freundlich ballen? Das muss man können. Micki konnte es. Und die freundlich geballte Faust stand nicht nur für Mickis Lebensfreude, sondern auch für seine Haltung dem Leben gegenüber: Er sah in den Menschen das Beste und wollte es schützen. Dass er von »seinen« Flüchtlingen als Freund akzeptiert wurde, kommt nicht von ungefähr: Zu jeder Tageszeit war »Teacher Micki« zum Hilfseinsatz bereit und er brachte ihnen nicht nur die deutsche Sprache bei, sondern auch die Feinheiten der Ruhrgebietsschnauze. »Alter Schwede«, das soll ihm erstmal einer nachmachen.

 

»Die Welt wird immer verrückter!« Micki sagte das jeden Montag, wenn wir uns trafen, um über die Welt und Gott zu quatschen und an unserem Programm zu schreiben. Und es war nicht der weinerliche Ausruf eines an der Welt verzweifelnden Mahners. Ich habe Micki nie lebensfroher erlebt als in den letzten Monaten. Dieser Satz war für ihn Diagnose und zugleich Handlungsmaxime. Wenn die Welt schon verrückt ist, was hält uns davon ab, es im Leben und auf der Bühne auch zu sein? »Und wenn die Nummer keiner kapiert: Hauptsache, wir haben Spaß.« Noch so ein Satz.


Und Spaß hatten wir immer. Auf der Bühne und beim Schreiben. (Und die Leute haben es kapiert, möchte ich kurz anmerken.) Immer wieder beim Schreiben. Da waren Ideen, bei denen haben wir vor Lachen das Gleichgewicht verloren; später dann genügte ein Stichwort, um auch nach Wochen denselben Effekt zu erzielen. Ich denke da spontan an »Malen nach Primzahlen« in der Bauer-sucht-Frau-Nummer auf dem Bildungsschlachter RTL, an den User »Dr. Reiner Klimke auf Ahlerich«, der unter den Postings von Jesus bei Facebook immer wieder Pferdebedarf anpries, an den Esel, der das vom Ochsen angebotene weihnachtliche Spritzgebäck verschmähte: »Hab noch Möhre ...!«
Nebenbei: Wir hätten uns als Duo fast »Eintracht Prügel« genannt. Die letztendliche Namensentscheidung musste nicht mehr getroffen und die Premiere im Herbst nicht weiter vorbereitet werden.

 

Unsere Ideen waren echte Gemeinschaftsprodukte - unmöglich auf eine Hälfte unseres Duos zurückzuführen. (»Ein Kopp«, sagt man im Ruhrgebiet.) Nun fühle ich mich ein bisschen amputiert, aber wenn ich es schaffe, die Welt wohlwollend und kritisch zu sehen, nicht an ihr zu verzweifeln und in ihr ab und zu glücklich zu sein - dann auch deshalb, weil Micki mit mir war und bei mir bleibt.

Mach´s gut, mein großer, roter Freund. Da, wo Du jetzt Deinen ersten Wohnsitz hast, wird es bestimmt etwas verrückter. Gut so: Soll sich keiner was drauf einbilden, dass er oben ist. Außer dem einen - vielleicht.

 

Und liebe Grüße an Frank, David, Rio, Freddie, John, Udo ... Ach, Du weißt schon!

 

»This could be heaven for everyone. This world could be free, this world could be one.«

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